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„Die Pipeline ist sehr mächtig“

Ana Kostova, AstraZeneca Österreich

Ana Kostova, AstraZeneca Österreich
(c) a.c.schiffleitner

AstraZeneca hat schwierige Zeiten hinter sich. Nachdem einige wichtige Patente ausgelaufen sind, kam der Umsatz unter Druck. Wie schwierig war die Situation für die Belegschaft?
Ana Kostova: Das gehört zum Leben dazu. Dass Patente auslaufen, ist in der Branche ganz normal. Umso wichtiger sind eine gut gefüllte Pipeline und kontinuierliche Produktentwicklung. In den letzten Jahren sind zwar Patente für große Produkte ausgelaufen, Österreich hat davon aber weniger gespürt als der Konzern. Wir haben diese Produkte weiterhin am Markt und sie verkaufen sich gut. Zusätzlich gibt es neue Produkte. In Österreich hat sich das Geschäft insgesamt relativ stabil gehalten.

Was heißt das konkret für den Umsatz?
Kostova: Der liegt relativ stabil bei rund 100 Millionen Euro, in den letzten Jahren ist er jeweils nur um ein paar Prozent zurückgegangen.

Die Pipeline ist in der Tat wieder prall gefüllt, den Investoren kann man wieder eine Story bieten. Wobei 2017 ein regelrechtes Schlüsseljahr für den Konzern ist. Denn jetzt muss freilich auch geliefert werden…
René Ott: Schon 2016 war ein Schlüsseljahr bzw. sogar schon Ende 2015, wo wir bereits einige wichtige Zulassungen erhalten haben. Lynparza mit dem Wirkstoff Olaparib, der erste PARP-Inhibitor überhaupt am Markt, sowie der Kinase-Inhibitor Tagrisso für Patienten mit Lungenkarzinom. Das war schon eines der ersten starken Signale für den Markt, dass wir in den nächsten Jahren einige neue Medikamente auf den Markt bringen werden. Die Pipeline ist sehr mächtig, bereits Ende 2016 umfasste sie rund 130 Projekte. Darunter sind zehn bis 15 Moleküle, wo die Entwicklung so weit fortgeschritten ist, dass sie demnächst einen Einfluss auf den medizinischen Standard hat, also auf eine Zulassung. Der nächste große Schritt für uns ist jetzt in der Tat, Biologika im Bereich der Onkologie auf den Markt zu bringen. Da haben wir drei Fokusindikationen: das Lungenkarzinom, das Urothelkarzinom und Hals-Kopf-Tumore.

René Georg Ott, AstraZeneca Österreich (c) Christian Mikes

René Georg Ott, AstraZeneca Österreich
(c) Christian Mikes

Der ganz große Hoffnungsträger ist der Krebswirkstoff Durvalumab, der laut Studien bis zu sechs Milliarden Dollar Marktpotenzial haben könnte. Allerdings gab es ausgerechnet hier zuletzt einen Rückschlag: In den USA musste eine klinische Studie wegen Nebenwirkungen unterbrochen werden, dann wurde sie aber wieder aufgenommen. Wie ist der aktuelle Stand?
Ott: Es geht dabei um Hals-Kopf-Tumore. Aufgrund der Lokalisierung der Tumore kann es passieren, dass Gefäße sozusagen von Tumoren infiltriert sind und aufbrechen. Das ist etwas, das HNO-Ärzte generell bei Hals-Kopf-Tumoren kennen. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass die Blutungen nicht durch die Prüfsubstanz ausgelöst wurden. Solche Studien zu unterbrechen ist aber nicht ungewöhnlich und das richtige Vorgehen in diesem Fall. Nach Klärung der Ursachen wurde die Studie nach knapp zwei Monaten wieder aufgenommen.

Was ist die Erwartung für die weitere Entwicklung?
Kostova: 2017/2018 werden wir unsere wichtigsten Studien-Ergebnisse zum Immunonkologie-Portfolio für diese ersten drei genannten Indikationen bekommen. Für die Lunge haben wir bereits die Nachricht, dass die PACIFIC-Studie mit Durvalumab positiv ist. Weitere Ergebnisse werden wir heuer noch bekommen.

Ist das die wichtigste Indikation?
Kostova: Ja, Lunge ist vom Marktpotenzial definitiv die wichtigste Indikation.
Ott: Wir erwarten in der zweiten Jahreshälfte 2017 die Daten unserer großen Phase-III-Studie MYSTIC, bei der wir uns die Kombination von Durvalumab mit einem zweiten Therapeutikum namens Tremelimumab anschauen. Wir wollen Chemotherapie durch eine Immuntherapie ersetzen, das ist ein potenzieller Meilenstein in der therapiebezogenen Lebensqualität für betroffene Patienten. Monotherapien sind effektiv, aber möglicherweise nicht effektiv genug, deshalb haben wir uns strategisch dazu entschlossen, die Kombinationen ebenfalls zu entwickeln.

Beim Bestseller Crestor sind die Umsätze des Konzerns in den USA wegen eines Patentauslaufs zuletzt eingebrochen. Wie ist die Situation in Österreich?
Kostova: Der Preis geht natürlich nach unten, wenn Generika auf den Markt kommen. Aber Crestor hat einen guten Namen. Wir sehen das bei anderen Produkten, die nach Patentablauf weiterhin verschrieben werden, weil sie am Markt gut etabliert sind und man gute Behandlungsergebnisse damit erzielt. Aber wir erwarten jetzt nicht, dass Crestor vom Markt verschwinden wird.

Apropos Preis. Was halten Sie von der kürzlich beschlossenen Preisbremse in Österreich?
Kostova: Natürlich bringt das Schwierigkeiten und Belastungen für uns und es war definitiv nicht im Sinne des Rahmen-Pharmavertrags. Die Pharmaindustrie zahlt ja in Österreich ohnehin schon Solidarbeiträge in Höhe von zuletzt rund 135 Millionen Euro im Jahr. Deshalb waren wir enttäuscht, dass es diese Gesetzesinitiative gibt. Letztlich sind nur etwa zwölf Prozent der Kosten im Gesundheitssystem, die Medikamente ausmachen.

Was sind abgesehen von Durvalumab die wichtigsten Hoffnungsträger im Konzern?
Ott: Wir haben einige spannende Themen in allen Therapiegebieten. Im Bereich Onkologie haben wir zwei positive Studien zu unserem PARP-Inhibitor Lynparza, wo wir unter anderem eine andere Darreichungsform getestet haben, um die Pillenlast für die Patientinnen reduzieren zu können. Zum anderen haben wir die ersten positiven Daten für einen PARP-Inhibitor beim Mammakarzinom in einer Phase-III-Studie. Wir reden davon, von derzeit 16 Kapseln auf zwei mal zwei, also vier pro Tag zu reduzieren. Dann befinden wir uns im Diabetes-Bereich in einer Launchphase, wo wir Anfang Mai ein Kombinationspräparat namens Qtern auf den
Markt gebracht haben. Im kardiovaskulären Bereich wird Ticagrelor unter dem Markennamen Brilique vertrieben. Aktuell wird es beim akuten Koronarsyndrom eingesetzt, die Zulassungserweiterung für die Nachsorge des Myokardinfarktes haben wir aber bereits erhalten. Im respiratorischen Bereich wiederum haben wir mit unserem etabliertem Produkt Symbicort, das bei Asthma und COPD zum Einsatz kommt, eine Indikationserweiterung für Jugendliche ab zwölf Jahren erhalten. Anfang 2018 kommt dann die Revolution auch in Österreich an: Da launchen wir unser erstes Biologikum, den Antikörper Benralizumab für Patienten mit unkontrolliertem schweren Asthma mit eosinophiler Entzündung. Wir haben dafür bereits Daten aus drei positiven Phase-III-Studien!

In den USA wurde Bevespi, eine LAMA/LABA-Therapie für COPD-Patienten, zugelassen. Was ist das Besondere daran und wann kommt es nach Europa?
Kostova: Es ist ein Kombinationsprodukt LAMA/LABA, da gibt es bereits vier Produkte am Markt, eines auch
von uns. Das Neue an Bevespi ist, dass es das erste Produkt ist, das ein Spray ist, also kein Pulver. Es gibt Patienten, die mit Pulver-Inhalatoren Probleme haben, für die Bevespi einen klaren Vorteil bringen wird. Es gibt eine Guideline, die sagt, dass man schon im frühen Stadium der Krankheit mit dieser Art der Behandlung beginnen sollte. Wir rechnen damit, dass Bevespi in etwa einem Jahr nach Österreich kommen wird.

Wachstumsbemühungen, seien es über neue Entwicklungen oder Übernahmen von bestehenden Firmen, bergen immer auch ein Risiko. Ist ZS-9, die Hyperkaliämie-Arznei, die durch die Übernahme von ZS Pharma 2015 erworben wurde, ein Beispiel dafür? Der Deal hat Milliarden gekostet, aber man hat noch keine Zulassung der FDA erhalten…
Kostova: Nein, das hat immer noch viel Potenzial. Für die noch fehlende Zulassung gibt es eine gute Begründung, die nichts mit dem Produkt an sich zu tun hat. Ott: Es geht um die Produktion, konkret um die Zertifizierung. Die FDA hat um eine weitere Dokumentation im Produktionsbereich gebeten und da gibt es Punkte, die noch geklärt werden müssen. Das bringt gewisse Verzögerungen mit sich, ist aber letztendlich
nur eine Formsache.

Das Interview führte Hans-J. Bruckberger.