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Fachzeitschriften – die willfährigen Pharmabüttel?

Fachpresse im Würgegriff der Inserenten? (c) paparazzit / iStock

Fachpresse im Würgegriff der Inserenten?
(c) paparazzit / iStock

Manchmal muss man einen Artikel von hinten lesen, um dessen Quintessenz zu verstehen. Journalistisch ist das zwar nicht ganz sauber – schließlich steht die Pyramide der Nachricht bekanntlich auf dem Kopf, das Wichtigste also am Anfang – es kann aber ein literarisches Stilmittel sein. Die späte Enthüllung. Sie kann aber auch unfair sein, nämlich wenn mit ihr etwas nur zum Schein angesprochen wird. Wenn man etwas nicht unter den Tisch fallen lassen kann, sich aber davor drückt, es auszusprechen. Doch was, wenn eben dies des Pudels Kern wäre?

So geschehen nach Ostern in der „Süddeutschen Zeitung“. Da schrieb ein geschätzter deutscher Journalistenkollege (immerhin aus dem gleichen Konzern wie der Autor dieser Zeilen), seines Zeichens Arzt und anerkannter Wissenschaftsjournalist, über medizinische Fachzeitschriften, vulgo „Blättchen“, im direkten Zitat auch „Pharmabüttel“.

Kern seiner Eloge: Mit Anzeigen finanzierte medizinische Fachzeitschriften zensieren kritische Meinungen aus Angst vor Stornos der inkriminierten Sponsoren. So weit, so einfach. Jedoch ignoriert der Autor dabei etwas ganz Wesentliches. Er spricht es zwar kurz an, aber nicht aus.

Die Stein des Anstoßes ist rasch erzählt: Ein kleines deutsches pneumologisches Fachmagazin wollte ein kritisches Editorial des Herausgebers redigieren, womöglich gar zensieren. Der trat daraufhin von dieser Funktion zurück. Hintergrund für seinen Kommentar war eine fragwürdige Studie der University of Florida zu dem Antiasthmatikum Omalizumab, die der Hersteller unterstützt hat (Ann Allerg Asthma Immunol 2015; 114(1):58–62.e2).

In seinem Editorial soll der Herausgeber, immerhin Past President der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), hart mit der „wissenschaftlich abstrusen und moralisch verwerflichen“ Studie und deren Sponsor abgerechnet haben. Gepaart war das Ganze offenbar mit einem Seitenhieb auf die VEGF-Hemmer-Posse Ranibizumab versus Bevacizumab, die durchaus kritischer Würdigung bedürfte.

Daraufhin ergießt sich der SZ-Autor in einer Kritik an dem „Einfluss, den Pharmafirmen auf den Inhalt medizinischer Fachzeitschriften ausüben“, über kritische Texte, die in „diesen Blättern kaum erscheinen“ – weil diese schließlich von Anzeigen lebten. Stilistisch klug, bewahrt er sich selbst vor der direkten Keule gegen die Fachzeitschriften, zeigt teilweise sogar Verständnis („Das Dilemma der Abhängigkeit teilen fast alle Fachpublikationen.“). Der schale Beigeschmack aber bleibt, Fachzeitschriften seien bloß Handlanger der Pharmaindustrie und würden ärztliche Meinung zensieren.

Ja, der Herr Kollege hat Recht, dass Sponsoring immer auch Einfluss bedeutet. Anzeigenkunden suchen Umfelder. Sie wollen ihre Botschaft transportieren. Dafür „werben“ sie bei den Verlagen. Das dürfte jeder Journalist wissen. Nur Zensur, das ist eine andere Qualität.

Ja, die Zweite, es ist ein täglicher Spagat für gesponserte „Blättchen“. Der Spagat, Zensur zu verweigern, kritisch zu berichten, und dennoch finanzierbar zu bleiben. Man muss es ehrlich sagen: Die meisten Fachzeitschriften sind Anzeigenblätter. Nur wegen der vielen Euros aus der Industrie, können sie überhaupt erscheinen.

Ein Vergleich: Man möge sich nur einmal die A4-Heftchen genauer anschauen, die jeden Morgen kostenlos in der U-Bahn verteilt werden – alles Anzeigenblätter par excellence. Wer das Wort „Einfluss“ buchstabieren möchte, möge einmal dort hineinschauen. Denen gegenüber sind die gesponserten medizinischen Fachzeitschriften Hochleistungsmagazine. Was diese Redaktionen täglich stemmen, sucht seinesgleichen. Hier wird Forschung erklärt, neue Medizin transparent gemacht, vor allem die hundertseitigen Leitlinien – all das immer State-of-the-art, didaktisch wertvoll, am Puls der Zeit und der medizinischen Experten, in praxisnahen, direkt verwertbaren Wissenshäppchen.

Das alles kostenlos für die ärztlichen Leser. Kilometer-weise Baum, bedruckt mit Tonnen Blei aus hochwertigem Wissen, kostenlos für die Leser. Danke an die Sponsoren, dass ihr das möglich macht. Diese Qualität von Fachinformation unterschlägt der SZ-Kollege gänzlich.

Und damit wären wir bei des Pudels Kern. Jede Fachredaktion würde jubeln, finanzierte sie der Leser über Abonnements. Doch die Realität sieht anders aus. Bezahlen ist in der Medizin – im Moment noch – nicht Usus. Allzu bekannt ist die ärztliche Klage über die Standeszeitschriften, die die Kammerbeiträge angeblich in die Höhe treiben. Dito bei den Mitgliedsbeiträgen für Fachgesellschaften, von denen ein Teil oft auch für die Abos von offiziellen Organen ausgegeben wird. Und selbst Verlage letzterer können von den Aboerlöse nur selten leben. Ergo sind Anzeigen nötig. Denn verlangt wird guter Fachjournalismus, ein didaktisch hochwertiges Werk für den Doktor. Das kostet Geld.

Obendrein: Was gedruckte Arztinformation betrifft, gilt für Präsenzfortbildung gleichermaßen. Würde etwa die ASCO – nehmen wir sie pars pro toto – bei ihrer Jahrestagung auf die Industrieausstellung verzichten, müssten Ärzte deutlich tiefer in die Tasche greifen. Statt 800 US-Dollar müssten sie für die Teilnahme dann einen hübschen vierstelligen Betrag zahlen.

Aber wer zahlt den überhaupt? Finanziell unter Druck stehende Spitalsabteilungen können dankbar sein, wenn ihre Doktoren auf diese Tagungen eingeladen werden. Schlicht, die Ärzte müssen dort hin, wollen sie up-to-date sein. Wenn nur 5 Ärzte jährlich jeweils 5 internationale Kongresse besuchen, muss irgendwer schnell 50.000 Euro locker machen – und das für jede Abteilung. Da lacht der Kritiker, und der Verwaltungsdirektor wundert sich. (nös)