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Transparenzkodex: Reden nicht mehr versilbert

Dr. Roman Gamerith, Vice President GSK

Dr. Roman Gamerith, Vice President GSK
sieht die neue Zusammenarbeit mit Ärzten
als „Versuch“ mehr Transparenz zu schaffen.

Ärzte müssen sich auf Änderungen beim Umgang der Pharmaindustrie mit Kongresseinladungen für Mediziner und Vergütungen für Referenten einstellen. Das wurde bei einer Diskussionsveranstaltung am Dienstag vergangener Woche in der britischen Botschaft in Wien deutlich. Einer der Vorreiter ist der britische Pharmahersteller GlaxoSmithKline. Das Unternehmen will ab 2016 gänzlich auf externe Ärzte als Vortragende bei gesponserten Veranstaltungen verzichten.

Künftig werden laut Dr. Roman Gamerith, Vice President bei GSK für Zentraleuropa, medizinische Mitarbeiter des Herstellers die Referate halten. Teilnehmer der Veranstaltung äußerten sich skeptisch über diesen Schritt: Kein Arzt werde sich freiwillig und Überstunden-produzierend in eine “Werbeveranstaltung” setzen, hieß es.

Wegfallen sollen bei GSK auch direkte Einladungen und Spesenübernahmen für Ärzte zu Kongressreisen. Das will das Unternehmen an “unabhängige Dritte, wie zB. Fachgesellschaften oder Universitäten” auslagern. Diese Institutionen werden in Zukunft offenbar zweck- aber nicht personenbestimmte Grants des Herstellers für Fortbildung erhalten. Damit sollen sie selbstständig und “unabhängig” Ärzte zu Veranstaltungen einladen. In der Summe will GSK laut Gamerith den gleichen Betrag für dieses Sponsorings bereitstellen wie bisher schon. Welche “Dritte” die Verteilerrolle jedoch übernehmen könnten, blieb zunächst unklar.

Gamerith nannte die Reform, die ab 2016 in Kraft treten soll, “eine drastische Änderung” der Zusammenarbeit mit Ärzten. Der Verzicht auf externe Vortragende sei ein “Versuch”. Bereits vor zwei Jahren hatte GSK angekündigt, Ärzten für Vorträge keine Honorare mehr zu zahlen. Der Schritt ist Teil eines großen Reformprogramm des Produktmarketings.

Hintergrund für die Bestrebungen sind die neuen Transparenz- und Compliance-Vorschriften. In Europa ist dies etwa der EFPIA-Kodex, im Vereinigten Königreich vor allem der Mitte 2011 in Kraft getretene Bribery Act. Hinzu kommen zahlreiche nationale Richtlinien, vor allem in den Pharmaverbänden und in subsidiären Abkommen etwa mit der Ärzteschaft.

Für die EFPIA-Unternehmen gilt ab 2016 eine Transparenz-Pflicht: Zuwendungen für Ärzte und Instituten sollen dann veröffentlicht werden – die Zustimmung der Mediziner vorausgesetzt. Die Hersteller, so auch Glaxo, werden entsprechende Regelungen schon in diesem Jahr in ihre Referenten- und Sponsoringverträge aufnehmen. Allerdings ist der Widerstand in Teilen der Ärzteschaft groß, namentlich mit Sponsorings veröffentlicht zu werden. Sie befürchten einen regelrechten Pranger.

Bei GlaxoSmithKline wird das fehlende Einverständnis zur Veröffentlichung der Daten künftig zu einem zeitweisen Sponsoringausschluss führen, kündigte Gamerith indirekt an. Wer nicht freiwillig zustimme, könne für mindestens ein Jahr – nämlich den Berichtszeitraum – nicht mit GSK zusammenarbeiten. Betroffen sein werden dem Vernehmen nach wohl sämtliche Arten der Kooperation.

GSK sieht sich selbst als Vorreiter in Sachen Transparenz und Unternehmensethik. CEO Sir Andrew Witty sagte 2013, die Marketingreform bringe “mehr Klarheit und Vertrauen”. Bei jedem Gespräch mit Angehörigen der Gesundheitsberufe müssten Außendienstler künftig die “Interessen des Patienten immer an erste Stelle” stellen.

Die GSK-Reform greift an dieser Stelle tatsächlich noch weiter: Im vergangenen Jahr wurde die Besoldung für Vertriebsmitarbeiter, die direkt mit “verschreibenden Ärzten” (sic!) Kontakt haben, auf den Kopf gestellt. Die Außendienstler erhalten seither keine Umsatzbeteiligung mehr. Vielmehr werden ihre Incentives künftig nach ihrem fachlichen Wissen und der Beratungsqualität gemessen. Beobachter bezeichnen diesen Schwenk als Zäsur. Umsatzbeteiligungen (sei es an Steigerungen des Erlös’ oder Marktanteils) sind heute, anders als noch vor einigen Jahrzehnten, Standard im Pharmaaußendienst.

Allerdings dürfte der Wandel bei GlaxoSmithKline deutlich andere Ursachen haben, als nur den Wunsch, die “Corporate Social Performance” zu erhöhen. Schlicht, es geht um Börsenwert, Marktanteile, Marktführerschaft.

Die Auslagerung etwa der Kongresseinladungen könnte dem simplen Umstand geschuldet sein, dass die Ärzteschaft eben nicht so leicht bei der Transparenz mitzieht, wie von einigen Protagonisten erhofft wurde. Jene empfinden die Transparenz in Teilen eher als lästige Pflicht. Die Gefahr für die Pharmaindustrie: Kontakte zu ärztlichen Meinungsführern könnten abreißen, neue Studien oder Forschungsprojekte nur noch schwer realisieren zu sein. Und im banalsten Fall würden fehlende Einladungen zu Kongressen und Tagungen schlicht dazu führen, dass nur noch wenige Ärzte die Botschaften der Industrie – vorgetragen von firmeneigenen Referenten – hören.

Mit der Auslagerung dieses Sponsorings an Dritte durch “unrestricted” grants bewahren sich die Firmen einen nahezu kongenialen Zugang zur Ärzteschaft. Diese Herausforderung ist kein GSK-Hausproblem, sondern eines der gesamten Pharmaindustrie. Und so darf man mit Spannung auf das nächste Unternehmen warten, das einen ähnlichen Weg einschlagen wird. (nös)